XS
SM
MD
LG
XL
XXL
🌐
BETA

Lebendiges Kulturerbe

Netzestricken

Die bescheidene wirtschaftliche Situation der vom Abflussgeschehen der Spree abhängigen Spreewälder führte bei diesen notgedrungen zu hohen handwerklichen Fähigkeiten in der Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Dazu zählten auch die Fanggeräte der Spreewaldfischer, die sie bis zur Hälfte des letzten Jahrhunderts selbst herstellten.

Wie auch das Fischen, stellte das Netzestricken früher eine reine Männer­domäne dar. An den langen Winterabenden wurden Fanggeräte gebaut und repariert. Das Wissen über den Bau von Reusen, ein- und dreiwandigen Netzen, Zugnetzen und Keschern wurde über Jahrhunderte weitergegeben. Mit verbesserten Einkommens- und Lebensbedingungen sowie der industriellen Fertigung von Fischereiutensilien verschwanden viele dieser Fertigkeiten und Kenntnisse.

Die „Gemeinschaft wendisch/​sorbischer Spreewaldfischer Burg und Umgebung e. V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese traditionellen Tätigkeiten zu erhalten und an nächste Generationen weiterzugeben. Das „Netzestricken“, umfasst die manuelle Herstellung eines Netztuches gleicher Maschengröße aus Garn (pśěźeno) unter Verwendung der traditionellen Werkzeuge Strickbock (kózoł), Netznadel (klaška) und Strickholz (kołk).

Die Besonderheit liegt in der Knotentechnik, die einige Fingerfertigkeit und Übung verlangt, um mit dem bevorrateten Garn auf der Netznadel in der einen Hand und dem Strickholz in der anderen Hand einheitlich große Maschen mit stabilen Knoten zu erzeugen.

Unterschieden werden dabei die Einstich- und Zweistichtechnik.

Das Stricken erfolgt immer am straffen Garn oder Netztuch, das dafür um den Strick­bock geschlagen wird. Wurde früher Baumwolle zur Netzherstellung genutzt, werden heute synthetische Fasern verwendet.

Die Stricktechnik ist jedoch genauso unverändert wie der aus einem passenden Holz, mit mehrarmigen Verästelungen bestehende Strickbock, die selbst­geschnitzten Strickhölzer für unterschiedliche Maschengrößen und die Netznadel.

Teilweise werden diese Werkzeuge von Fischergeneration zu Fischergeneration weitergegeben. Auch nach langem Gebrauch entstehen mit ihnen immer noch Netze (seś), Reusen (pśěźeńco) und Kescher (śišćak).

Weidenringe und symmetrische Astgabeln geben letzteren ihre funktionale und individuelle Form. Mit der praktischen Verwendung der Fanggeräte entsteht eine einmalige Verbindung zwischen ursprünglichen Handwerkstechniken und traditionellem Fischfang.

Mit dem „Netzestricken“ überlebt im Spreewald eine uralte handwerkliche Fähigkeit, die in der heutigen Berufsfischerei vielleicht noch in der Ausbildung angeschnitten wird.

Die traditionelle Herstellung von Fanggeräten wird durch Vertreter der Gemeinschaft auf regionalen Märkten und Festen dargeboten und ist bereits filmisch dokumentiert.

(Verfasser: Alexander Wach, Spreewaldfischer Burg)