Gesamtheit der Schöpfungsgeschichten sowie der Götter- und Heroengeschichten und
deren wissenschaftliche Deutung. Für die sorbische Überlieferung sind v. a. die
Berichte von den Ursprüngen der Stämme, von Kulten und Riten und von der
Begründung der gesellschaftlichen Ordnung interessant, die hier in ihrer
Gesamtheit unter Mythologie zusammengefasst werden. Der zugrunde liegende
geisteswissenschaftliche Schlüsselbegriff „Mythos“ kann im engen und im weiten
Sinne verstanden werden.
Im Allgemeinen bezeichnet er das Resultat einer Mythisierung, d. h. einer sich allezeit
vollziehenden Verklärung von Personen, Ideen oder Ereignissen zum Legendären mit
bildhaftem Symbolcharakter. Im Besonderen sind Erzählungen über die Entstehung
des Kosmos, der Götter und des Menschen sowie über endzeitliches und jenseitiges
Geschehen gemeint. Die synonyme Verwendung des Begriffs Mythologie für
„Sagenwelt“ stützt sich im Wesentlichen auf die „Deutsche Mythologie“ (1835) von
Jacob Grimm, der den
Quellenbereich für die Rekonstruktion germanischer Göttermythen um Sagen, Märchen und andere Gattungen der Volksdichtung erweiterte. Die Nähe von Mythos und Sage zeigt sich z.
B. in der Gestalt des Wendenkönigs.
Romantische Vorstellungen, die in der volkstümlichen Überlieferung generell
Reste eines archaischen Götterglaubens oder einer Heldenepik aus vorchristlicher
Zeit sahen, führten mitunter zu vagen Hypothesen (→ Czorneboh, → Volkslied).
Aufgrund der geringen archäologischen und linguistischen Zeugnisse zählt die vorchristliche
Religion der slawischen Völker zu den Forschungsfeldern mit nur wenigen
gesicherten Aussagen. Da die Nachrichten aus Chroniken, Urkunden und Traktaten
von fremden Verfassern stammen, die den heidnischen Slawen skeptisch bis
feindlich oder aber in missionarischer Absicht (→ Christianisierung) gegenüberstanden, gelten die
Quellen als problematisch. Das derzeitige Wissen beschränkt sich auf die
Beschreibung der vorchristlichen Religion der Slawen als heidnischer
Polytheismus und Animismus. Die Slawen verehrten mehrere Götter mit
verschiedenen Kräften für Fruchtbarkeit und Gedeihen sowie Götter, die das Recht
und die kultische Ordnung zu wahren hatten oder für den Sieg im Kampf und den
Schutz des eigenen Volkes zuständig waren. Darüber hinaus glaubten sich die
Menschen umgeben von Elementargeistern, die die Gesetze und Kräfte der Natur
steuerten und belebten und mit denen sie in magischer Weise verkehrten.
Swantewit-Stein in der Altenkirchener Kirche (Rügen); Fotograf: Werner
Měškank
Die meisten Informationen besitzen wir über die Gottheiten der nordwestslawischen Stämme
zwischen dem Unterlauf der Elbe und der Oder (→ Besiedlung), die dem Christentum in einem organisierten Kult mit
Tempeln und einer Priesterkaste entgegentreten konnten. Die Chronisten betonen,
dass jedes Land, oft jeder Ort einen Gott besaß, dessen Name nur dann in
kollektiver Erinnerung blieb, wenn sich seine Bedeutung über die lokalen Grenzen
hinaus ausbreiten konnte. Der früheste Bericht stammt von Einhard (789), der den Feldzug Karls des Großen gegen die Liutizen
schildert und einen Tempel auf der Burg des Fürsten Dragovit anführt, ohne
allerdings die Gottheit zu nennen, der man dort diente. Thietmar von Merseburg beschreibt in seiner
Chronik den Tempel und den Kult des Swarog oder Swarožic auf einer Burg namens
Radegost oder Riedigost, der als Kriegsgott und Genius der Redarier im
Stammesverband der Liutizen und laut Helmold von
Bosau (Chronica Slavorum, 1167–1172) später auch von den
Obodriten verehrt wurde. Adam von
Bremen nennt Ende des 11. Jh. die zentrale Kultstätte Rethra im
heutigen Mecklenburg, deren Zerstörung im Winter 1068/69 urkundlich belegt ist.
Das Heiligtum aus Holz stand inmitten eines Hains, seine Wände bildeten eine
Doppelreihe zugespitzter, in die Erde gerammter Eichenbohlen. Die Außenwände
zierten geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Die Ausgrabungen der
Tempelanlage auf dem Burgwall von Groß-Raden (1973–1980) durch Ewald Schuldt bestätigen die Schilderungen
der Chronisten über Rethra. Der Hauptgott der pommerschen Hafenstädte Wollin und Stettin und ihrer Umgebung wird von den Biografen des Bischofs Otto von Bamberg als „Triglaw“
bezeichnet, wobei unklar bleibt, ob es sich dabei um den ursprünglichen Namen
der Gottheit oder das Attribut eines anders benannten Gottes handelt. Sein Kult
soll bis zur Taufe des Hevellerfürsten Pribislaw-Heinrich 1136 auch in Teilen des späteren Brandenburg
verbreitet gewesen sein. Während Bischof Otto die drei silbernen Köpfe des
Triglaw von Stettin Papst Calixt II.
nach Rom zum Beweis seiner erfolgreichen Mission schickte, soll das vergoldete
Idol von Wollin vor der Zerstörung gerettet worden sein.
Die Insel Rügen galt wegen ihrer schweren Erreichbarkeit als Festung des slawischen
Heidentums. Hier konzentrierte sich der Kult des Swantewit, der in sich
Eigenschaften eines Kriegs- und Wirtschaftsgottes vereinigte. Die von Saxo Grammaticus („Geschichte der Dänen“,
1185–1201) detailliert beschriebene, übermenschlich große Holzstatue im Tempel
zu Arkona hatte vier Köpfe – zwei nach hinten, zwei nach vorn schauend – und
hielt in der rechten Hand ein metallenes Trinkhorn, das der Priester zum
Erntefest mit Wein füllte, wobei er – je nach Pegelstand – Prophezeiungen für
die Ernte des Folgejahrs abgab. Neben der Statue lagen Sattel, Schwert und Teile
des Zaumzeugs, die dem der Gottheit geweihten Schimmel gehörten, mit dessen
Hilfe man den Erfolg des nächsten Kriegszugs vorauszusagen suchte. Zugang zum
Tempelinnern besaß lediglich der Priester, der auch nur mit angehaltenem Atem
Wein und Honigkuchen opfern durfte, um mit seinem Atem das Heiligtum nicht zu
verunreinigen. Neben Swantewit wurden auf Rügen und an der benachbarten Küste
auch Rugiewit – dem Namen nach „der Herr von Rügen“ –, Porewit und Porenutius
angebetet, die die skandinavische Knytlinga-Saga sowie Saxo Grammaticus mit
Fruchtbarkeitsriten in Verbindung bringen. Der Sturz der Rügener Götterstatuen
und des Tempels in Arkona durch den dänischen König Waldemar 1168 markiert den Untergang der Religion der
Ostseeslawen.
Wendische Gottheiten in Samuel Großers „Lausitzische Merckwürdigkeiten“, 1714;
Repro: Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen Institut
Eine gesicherte Angabe über die Götterverehrung der „Surbi“ (Sorben) geht auf Bischof Thietmar zurück. Er beschreibt die Kultstätte
Zutibure (heute Schkeitbar
südwestlich von Leipzig) als heiligen Hain,
der als Heimstätte einer Gottheit verehrt und nur von Priestern betreten wurde.
Geheiligte Waldungen, in die der Mensch nicht ordnend eingreifen durfte,
schützten Zufluchtsuchende; das Wasser dort befindlicher Bäche galt als
heilkräftig. Die Nachricht über die Existenz eines der Göttin Liuba geweihten
Eichenhains in Lübben gilt als
unbewiesen und basiert auf Spekulationen. Seen und Quellen dienten als Opfer-
und Orakelstätten der Götterverehrung und Schicksalsvorhersage. Laut Thietmar
erkannten die Daleminzer an der Farbe des
„Heiligen Sees“ Glomuci – einem seit 1845 verlandeten Quellteich im Lommatzscher Ortsteil Paltzschen – die Ernte- und Kriegsausbeute.
Namenkundlich verweisen auch der Swietensee bei Trebatsch (niedersorb. swěty jězor ,heiliger See’) mit
dem unweit befindlichen Swietengraben und dem Swietenberg auf Stätten, die
„heiligen Handlungen“ vorbehalten waren. Um den animistischen Volksglauben
umzuwidmen, gründeten die christlichen Missionare vorzugsweise an diesen Orten
Kirchen und Klöster, so z. B. im 1008 vom Merseburger
Bischof Wigbert zerstörten
Zutibure.
Mit der Vernichtung von Standbildern und Tempelanlagen ließ sich zwar der jeweilige
Götterkult ausrotten, die Verehrung von Bäumen, Pflanzen und Tieren lebte aber
ebenso wie der Glaube an die Naturgeister in der mündlichen Überlieferung, in
Gewohnheiten und Ritualen modifiziert fort. In Märchen und Sagen bieten Bäume,
v. a. Eichen und Linden, Schutz für Menschen oder sakrale Gegenstände wie
Marienstatuen. Auffällig ist die Häufung von Orakelsprüchen, Liedern und
Sagenmotiven um die Aussaat, Pflege und Ernte des Flachses (→ Mittagsfrau, → Spinnstube). Die Schlange in den sorbischen Sagen ist nicht die
Verführerin bzw. die giftige, kriechende Kreatur des biblischen Satans, sondern
ihre Anwesenheit im Haus verheißt Glück, was auf die Vorstellung von der
Schlange als Erscheinung der Seelen verstorbener Ahnen verweist. Die
vorchristliche Funktion des Hahns als Fruchtbarkeits- und Vegetationssymbol
spielt eine Rolle beim niedersorbischen Kokot, deutsch Hahnschlagen, (→ Erntebräuche). Die Vogelhochzeit an „Pauli Bekehr“ (25. Januar), das
Winteraustreiben am Sonntag Lätare sowie verschiedene Oster- und Weihnachtsbräuche erinnern an heidnische Weihe- und Opferhandlungen
resp. Prophezeiungen. Gekreuzte Gerätschaften an den Stalltoren, die über die
Schwelle gelegte Axt oder das Hufeisen an der Tür führen auf Abwehrzauber
zurück, der Mensch und Vieh vor Krankheiten wie der Tobsucht oder Epilepsie, vor
plötzlichem Stumm- oder Taubwerden und vor Geistesgestörtheit schützen sollte (→ Volksmedizin). Der Glaube an die
beseelte Natur schlug sich in den dämonologischen Sagen nieder, die von Geistern
und Spukgestalten berichten, die die vier Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und
Erde beherrschen. Verbreitet war die Vorstellung, dass die Elemente in
periodischen Abständen ein Opfer fordern: Menschen werden im Berg eingeschlossen
oder vom Wassermann in die Tiefe gezogen, der Hausdrachen, obersorb.
zmij, niedersorb. plon verbrennt aus Rache Hab und Gut.
Ein religionsgeschichtlich altes Motiv ist die Wilde Jagd, die mit schrecklichem
Getöse in der orakelreichen Zeit zwischen dem Andreastag (30. November) und dem
Ende der zwölf Raunächte (6. Januar) durch die Luft reitet und nahende Kriege,
Seuchen und anderes Unheil ankündigt. Prophetische Gaben besitzt auch die
unscheinbare Gestalt der Wehklage, obersorb. bože sedleško, niedersorb.
boža łosć, die als Windsbraut das Schicksal beweint oder vor
Unzucht und Sünde warnt. Die Hausgeister – Kobold, Hausdrachen und Schlangen –
leben in Zwischenräumen unter Schwellen und Treppen bzw. auf dem Dachboden –
Orte des Übergangs von Drinnen und Draußen, die ihre eigentliche Schutzfunktion
anzeigen. Ihre Lieblingsplätze am Herd bzw. in der „Hölle“ nahe dem Ofen
markieren ihre Nähe zum Zentrum der menschlichen Wohnstatt, die nur dann
gesegnet ist, wenn Mensch und Dämon einander achten und nicht in den Bereich des
anderen eindringen. Das Schüsselchen Milch, der pünktlich zu reichende Hirsebrei
oder die beim Schlachten abgezweigten Stückchen für den „Spiritus familiaris“
ähneln Opfergaben und -riten des Altertums.
Schlangenköpfe als Giebelverzierung in der Niederlausitz; Fotograf: Błaźij
Nawka, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut
Die wissenschaftliche Betrachtung dieser vielfach gebrochenen und vom Christentum adaptierten
Traditionen erfordert einen äußerst kritischen Umgang mit den größtenteils aus
dem ausgehenden 17. bis 19. Jh. stammenden Niederschriften und ihren Deutungen.
Die christliche Glaubenslehre hatte die slawischen Götter und Elementargeister
diabolisiert, sodass der aus dem Griechischen herrührende, wertungsfreie Begriff
Dämon eine negative Bedeutung erhielt. Martin Luther erklärte alle mythischen
Wesen zu Verwandlungsgestalten des Teufels. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jh.
befassten sich Gelehrte und Geistliche in Traktaten und Predigten damit, die
„schändlichen Überbleibsel heidnischer Abgötterei“ unter dem ungebildeten Volk
auszurotten. Dies erhöhte allerdings auch die Aufmerksamkeit gegenüber dem
Volksglauben und führte zu Erhebungen und Systematiken, die an die
naturphilosophischen Überlegungen der Humanisten des 16. Jh. und an deren
spätantikes Deutungssystem anknüpften. Erste Beiträge zur Mythologie der Sorben
reichen ins ausgehende 17. Jh. zurück. 1691 disputierte an der Universität in
Wittenberg Michał Frencel jun. zum
Thema „De idolis Serborum“. Sein Bruder Abraham
Frencel legte 1719 einen umfangreichen Kommentar über die Götter
der Slawen, bes. der Sorben, unter dem Titel „De diis Slavorum et Soraborum in
specie“ vor. Hadam Bohuchwał Šěrach
verabschiedete sich 1743 von der Meißener Fürstenschule mit einem Referat über altsorbische
Mythologie. Karl Gottlob von Antons
akribische Studie „Erste Linien eines Versuches über der alten Slawen Ursprung,
Sitten, Gebräuche, Meinungen und Kenntnisse“ (1783, 1789) zählt zu den
seinerzeit viel beachteten und weitere Forschungen zur slawischen Altertumskunde
inspirierenden Werken. Pfarrer Samuel Bohuwěr
Ponich lieferte eine erste Systematik der „Reliquien der Feld-,
Wald-, Wasser- und Hausgötter unter den Wenden“ (1797), die als grundlegendes
Gliederungsprinzip in den neuzeitlichen Sageneditionen fortlebt, die ihr
Material wiederum im Wesentlichen aus den Sammlungen von Karl Haupt und
Adolf Černý schöpfen. In der Bildenden Kunst setzte sich Měrćin Nowak-Njechorński programmatisch mit
der Mythologie zur Formung eines sorbischen Nationalstils auseinander. Maja Nagelowas Rückgriff auf mythische
Gestalten zeugt eher von ihrem Willen zur philosophischen Dekonstruktion.
Lit.: K. Haupt: Sagenbuch der Lausitz, Leipzig 1862/63; A. Černý: Mythiske
bytosće łužiskich Serbow, Bautzen 1898; N. Profantová/M. Profant: Encyklopedie
slovanských bohů a mýtů, Praha 1990; Z. Váňa: Mythologie und Götterwelt der
slawischen Völker, Stuttgart 1992; M. Mirtschin: Mythos und Symbol im Wandel,
in: Das Vermächtnis der Mittagsfrau, Bautzen/Cottbus 2003; A. Gerth: Götter,
Glücksritter und Gelehrte. Auf den Spuren großer Mythen der Oberlausitz,
Spitzkunnersdorf 2009.